SEITENLEBEN / LESEGEFÜHL · 2 MIN. · SEITORA REDAKTION
Dein Lesetyp darf sich ändern.
Vielleicht hast du jahrelang nur Krimis gelesen. Und plötzlich willst du etwas, bei dem niemand verschwindet. Außer dir selbst, für eine Weile.
Es ist leicht, aus einer Vorliebe eine Identität zu machen. „Ich bin Fantasy-Leser.“ „Romance ist nichts für mich.“ „Mit Klassikern kann ich nichts anfangen.“ Solche Sätze machen die Auswahl im Buchladen einfacher. Manchmal machen sie unsere Lesewelt aber auch kleiner, als sie sein müsste.
Dein Bücherregal ist kein Vertrag.
Was du gern liest, darf sich verändern. Mit deiner Stimmung, deinem Alltag und den Fragen, die dich gerade beschäftigen. Nach einer anstrengenden Woche willst du vielleicht keine komplizierte Welt verstehen. Im Urlaub hast du plötzlich Lust auf genau das. Beides passt zu dir.
Du musst dafür kein bisheriges Lieblingsbuch zurückgeben. Es geht nicht darum, den eigenen Geschmack zu überwinden. Eher darum, ihm ein bisschen Platz zum Wachsen zu lassen.
Such heute nach einem Gefühl.
Stell dir vor dem nächsten Buch die Frage: Was möchte ich gerade erleben? Möchte ich lachen, obwohl mein Tag nicht besonders lustig war? Mich verstanden fühlen? Mich über eine Figur ärgern? Oder in einer Welt landen, in der meine To-do-Liste nicht existiert?
Eine solche Frage führt manchmal zu einem ganz anderen Regal. Ein Gesellschaftsroman kann so spannend sein wie ein Thriller. Eine fantastische Geschichte kann etwas erstaunlich Genaues über deinen Alltag erzählen. Genres sind hilfreiche Wegweiser. Die Grenzen dazwischen sind weniger fest, als die Schilder vermuten lassen.
Ein kleines Experiment für deinen nächsten Besuch.
Nimm ein Buch in die Hand, zu dem du sonst nicht greifen würdest. Lies die erste Seite, ohne vorher die Rückseite zu studieren. Achte darauf, was die Sprache mit dir macht. Willst du den nächsten Satz lesen? Mehr muss für den Anfang gar nicht passieren.
Wenn es nicht passt, legst du es wieder hin. Das Experiment ist kein Versprechen, das Buch zu Ende zu lesen. Und wenn es doch passt, hast du keine alte Vorliebe verraten. Du hast eine neue entdeckt.
Vielleicht bleibst du am Ende bei deinen Krimis. Vielleicht auch nicht. Dein Lesetyp muss heute jedenfalls nicht derselbe sein wie gestern.